Hasen in der Hasenheide

Neukölln, ein Problem-Bezirk? Jedenfalls nicht nur - sondern auch: Ein Bezirk mit einer wachsenden Kultur-Szene. Heute macht ein neues Theater auf, der “Heimathafen Neukölln”, der laut Eigenwerbung die Neuköllner Sicht der Dinge der Welt nahe bringen will. Es geht los mit einem Schwank aus dem Jahr 1827 mit dem vielsagenden Titel “Die Hasen in der Hasenheide” - das ist ein öffentlicher Park an der Grenze zu Kreuzberg. Seit ich Freunden davon gemailt habe, macht mich Googlemail übrigens in der Anzeigenzeile einfühlsamerweise auf einen Internet-Händler für Nagetiere aufmerksam. Mal sehen, ob es hier auch klappt ;-)

Primfaktorzerlegung

Der Sohn eines Mitsängers geht in die 6. Klasse einer Berliner Grundschule. Neulich waren wir zur Probe da, und der Junge quälte sich gerade mit den Mathe-Hausaufgaben: Primfaktorzerlegung. Sofort war mein Schulwissen reaktiviert: 2, 3, 5, 7, 11 usw. sind Primzahlen, nur durch sich selbst und 1 teilbar. Jede andere Zahl lässt sich darstellen als eine Multiplikation zweier oder mehrerer Primzahlen. Und so konnte ich, ganz Günther Jauch, ihn austricksen mit der Frage ob 37 eine Primzahl sei oder nicht. Wie nützlich doch Schulwissen ist, wenn es um Schulaufgaben geht! Und wie nutzlos, wenn es um das wahre Leben geht: Seit dieser Situation überlege ich, in welcher Lebenssituation ich als Erwachsener kompetenter agieren konnte, weil ich über Primzahlen so gut Bescheid weiß.  Das ist eine schwere Frage. Aber ganz einfach ist die Frage, was mir für das Verständnis der Bedeutung von Zahlen mehr gebracht hat: Mein für Klassenarbeiten relevantes Wissen über Primfaktorzerlegung oder das Mithelfen im Laden meiner Eltern,  das Abwiegen und Auszeichnen von Waren,  das Aushelfen bei der Inventur und die durchaus elementaren Gespräche darüber, wieviel Kunden und Umsatz man braucht, damit der Laden ein Plus macht.  Anders gefragt: Warum muss man eigentlich Lebenszeit damit verbringen, um Primfaktorzerlegung zu lernen?

Ein Schirm geht zur Documenta

Unser Schirm hat auf der Documenta so einiges erlebt….

Anbandeln mit dem pinken TuchMach mal Pause Konstruktion und Dekonstruktion


Die neuen Berliner Autoren

Hätte mein Bruder mich nicht aufmerksam gemacht, ich hätte diese Perle des Berliner Kulturprogramms gestern bestimmt verpasst: Eine Lesung von Teilnehmerinnen und Teilnehmern eines Alphabetisierungskurses.

Mir hat die respektvolle Art gut gefallen, wie die Autoren vorgestellt wurden: Die - ehrenamtliche - Kursleiterin sprach immer wieder von “Welten”, die sich die Teilnehmer “erobert” haben: Buchstaben, Silben, Schriftsprache.

Was für Sujets wählen Nicht-mehr-Analphabeten, wenn sie Texte schreiben? Alltagsgeschichten und Erlebnisse aus ihrer Privatsphäre? Nein, die kamen von Renee Zucker, die als Profi-Autorin und Zugpferd auch mit dabei war. Nein, es waren sehr kreative Werke, die von Lust am Spiel, am Fabulieren, am Witz zeugten. Gut hat mir zum Beispiel ein Kurz-Krimi gefallen, bei dem der Diebstahl einer roten Tasse aufgeklärt werden musste; natürlich mit vollem Polizei-Einsatz und kriminalistischer Ermittlung. Auch sehr schön ein Text, bei dem die Autorin ihre Erlebnisse bei einem klassischen Konzert wiedergab: Auch eine “Welt”, die sie sich erobert hatte. “Ich mag den Gesang von Opernsängern. Wenn ein Mann und eine Frau singen und ihre Stimmen gemeinsam nach oben ziehen - das ist einfach wunderbar.”

Eine Veranstaltung, bei der man lernen konnte, dem ersten Eindruck zu misstrauen - und bei der man sich im Glauben an die unermessliche menschliche Schaffensfreude bestärken konnte. Insgesamt ist das Projekt ein positives Beispiel, wie Menschen, die nicht ganz zum Mainstream passen, dennoch als schöpferische Wesen gesehen und gefördert werden.

Mir kommt es symptomatisch vor, dass solche Projekte nur ehrenamtlich laufen - auch im Kontrast zu dem vorigen Eintrag.

Was ist normal?

Ein Kurztrip nach Mecklenburg. Ein wunderschöner See, klarstes Wasser, das - wie man hört - bis vor kurzem noch Trinkwasserqualität hatte. Kein Motorenlärm; kleine Fische, die es sich gut gehen lassen in ihrem Fischleben.

Eine Reisegruppe: Spaziergänger, die auf einer Bank rasten und auf die handgetriebene Fähre warten. Aber: Etwas ist nicht ‘normal’; man merkt es zunächst daran, dass die Gruppe betreut wird. Die beiden jungen Betreuerinnen reden laut, in einem fürsorglichen und manchmal ins Scharfe abgleitenden Tonfall. Es gibt keine Privatsphäre: Den beiden ist es egal, dass der ganze Wald mitbekommt, dass Emma Mühe hatte, die Treppe herunter zu kommen und dass Ernst eine Bockwurst gegessen hat.

Die Betreuerinnen sind, wenn sie nicht lesbisch sind, dann jedenfalls sehr bemüht, sämtliche Klischees über Lesben überzuerfüllen: Schwarze, sehr robuste Outdoor-Kleidung, ultrakurze Haare, Piercings und insgesamt ein Outfit und auch Auftreten, dass mit “herb” eher noch beschönigend beschrieben wäre.

Ja, die Teilnehmer in der Gruppe sind - oft etwas langsam. Nicht nur im Laufen, auch im Verstehen. Ja, manches muss ihnen mehr als einmal erklärt werden, bis sie es verstehen. Aber sie sind auch: sehr lieb miteinander; sie wirken ruhig und ausgeglichen. Einer hat ein verschmitztes Lächeln drauf; er freut sich, dass er heute nicht der Letzte ist.

Ich kann mich nicht gegen den Gedanken wehren, dass diesen Menschen - was immer ihr Handicap ist oder wie es definiert ist - ihre Betreuung nicht weiter hilft, sondern sie erst recht und noch weiter entmündigt. Ich weiß: Es ist ungerecht gegenüber allen, die sich die größte Mühe geben, ihnen ein schönes Leben - und hier, in Mecklenburg, eine schöne Reise zu ermöglichen. Und dennoch.

Wie wollen wir, dass diese Menschen leben?

Was gibt’s Neues?

Bisher war dies ein Blog über Schul- und Bildungsreform.

Seit ich mich hauptberuflich mit genau diesem Thema beschäftige, ist mein Bedarf, dies auch noch in der Freizeit zu tun, jetzt nicht mehr so stark wie früher.

Also werde ich in Zukunft ein bisschen mit Themen und Einträgen experimentieren und sehen, in welche Richtung sich der Blog entwickelt. Die Überschrift “Zeit für Neues” bleibt natürlich - denn ich will ja niemanden mit alten Kamellen langweilen.

Web 2.0: Ein anderes Wort für Gerüchteküche?

Hier ist ein interessanter Beitrag über die Rolle von Blogs als Nachrichtenquelle - ausgelöst durch einen Fall in Kenia.

Neuanfänge

Ich fange zum 1.8. einen neuen Job bei der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung in Berlin-Kreuzberg an und werde dort im Ganztagsschulprogramm mitarbeiten. Schulreform ist - wie man hier ja sehen kann - zunehmend zu meinem Steckenpferd geworden, deswegen freu ich mich sehr auf die neue Aufgabe. Zu tun ist sicher auch genug. Im Moment schließe ich noch einiges für mein jetziges Projekt ab - die großen Evaluationen der ersten Phase sind ja schon kürzlich fertig geworden, und im Augenblick arbeite ich noch an einem Handbuch. Natürlich hab ich außer dem lachenden auch ein weinendes Auge: Gerade jetzt, wo ich an dem Handbuch sitze und mich noch einmal richtig in alles vertiefen muss, wird mir noch einmal klar, wie stark ich mit dem bisherigen Programm verbunden bin.

It takes a village to raise a child

Dieses Sprichwort könnte man als einen Leitspruch von Community Education sehen: Man braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen. Und weil der Spruch so schön griffig ist, war ich heute wieder einmal in Versuchung, ihn in einen Text einzubauen. Nur mal eben nach der Quelle googlen, dachte ich; “Afrikanisches Sprichwort” klingt doch ein bisschen platt. Das Ergebnis hat mich überrascht: Nicht genug damit, dass man zu einem Buch von Hillary Rodham Clinton geleitet wird - darüber hinaus gibt es in einem Forum über afrikanische Geschichte eine lebhafte Diskussion über die Herkunft des Sprichworts. Quintessenz: Die Herkunft ist mehr als unklar und kann zum ersten Mal in den 70er Jahren in Chicago nachgewiesen werden;  außer Hillarys Buch gibt es ein Kinderbuch gleichen Titels, in dem die US-Amerikanerin Jane Cowen-Fletcher, die in Benin gelebt hat, dieses Land und seine Kultur amerikanischen Kindern nahe bringt. Cowen-Fletcher behauptet darin, das Sprichwort komme aus Benin - was aber von keiner anderen Quelle belegt werden kann. Ein Teilnehmer an der Forumsdiskussion beklagt den ‘inhärenten Rassismus’ der Zuschreibung eines Sprichworts als ‘afrikanisch’ - schließlich käme ja auch niemand auf die Idee, von einem ‘europäischen’ Sprichwort zu reden, sondern man würde, wenn, dann von einem französischen, polnischen oder vielleicht auch katalanischen Sprichwort reden. Schließlich und endlich gibt es einige Belege dafür, dass es eigentlich auf amerikanische Ureinwohner zurück geht.

Wieder was gelernt - bzw. ein weiteres Mal gelernt, der Oberfläche zu misstrauen.

Abschiede

Das letzte Präsenzwochenende von Educational Media war für mich ein vorläufiger Abschied: Ich habe zunächst ein Urlaubssemester genommen und bin damit nicht mehr in meiner Lerngruppe, den Edumaniax. Was schade ist - denn es ist eine wirklich nette Truppe, wie ja auch in den Beschreibungen unseres letzten Gruppentreffens in verschiedenen Blogs deutlich wurde. Nun hoffe ich, dass die vielen versprochenen Berlin-Reisen auch stattfinden - vielleicht kommt Barbara ja schon zum Wohnzimmerkonzert des Mannenkoors in ein paar Tagen. Oder?