Die Befürworter der Kampagne “Pro Reli” in Berlin haben es geschafft, den Fokus der Diskussion vom eigentlichen Thema abzulenken und auf einen Nebenaspekt zu richten: den der Wahlfreiheit. Auf dieser Grundlage behaupten sie nun, dass die Abstimmung am kommenden Sonntag eine Abstimmung über die Freiheit sei - so als wären im toleranten Berlin gerade grundlegende Freiheitsrechte bedroht. Dieser Schachzug war so geschickt, dass auch die Befürworter von “Pro Ethik” darauf hereingefallen sind und - jedenfalls zu Beginn der Kampagne - weniger über das Fach Ethik geschrieben haben als über einen angeblichen “Wahlzwang”, den man abwehren müsse - ein mehr als schwaches Argument für ein starkes Anliegen.
Denn die Grundidee des Fachs Ethik, wie es der Senat vorschlägt, ist für eine Stadt wie Berlin bestechend:
- Fragen von Ethik und den Grundlagen des Zusammenlebens werden verbindlicher Bestandteil des Lehrplans: denn evangelischer oder katholischer Religionsunterricht ist für die Sunniten, Aleviten, Shiiten, Buddhisten, Hinduisten, Konfuzianer, ganz zu schweigen von den “Non-believers” natürlich nicht attraktiv und wird daher abgewählt.
- Ethische Fragen werden so im Klassenverband mit allen Schülerinnen und Schülern diskutiert, unabhängig davon, welche Weltanschauung sie selbst bzw. auch das Lehrpersonal vertreten.
Wenn es also tatsächlich stimmen sollte, dass es kulturell geprägte “Parallelgesellschaften” gibt in einer großen Stadt wie Berlin - dann ist ein Fach wie “Ethik” ein wichtiger Schritt, um Räume des Dialogs zu schaffen. Zum zweiten ist es ein passender Rahmen, um sich über diejenigen Werte zu unterhalten, die die Basis bilden für das gesellschaftliche Leben insgesamt. Drittens bietet das Fach die Möglichkeit, Kernelemente unterschiedlicher Religionen kennen zu lernen - nicht nur der eigenen. Das heißt, dass am Ende mehr Schülerinnen und Schüler als jetzt sich mit Kernaussagen des Christentums befassen als bisher. Wer sich darüber hinaus intensiver mit einer bestimmten Religion beschäftigen möchte, kann dies im konfessionellen Religionsunterricht - oder auch im Rahmen eines konfessionellen Jugendverbands tun.
Ich finde diesen Ansatz überzeugend - und stimme am Sonntag mit “Nein”.