Die neuen Berliner Autoren

Hätte mein Bruder mich nicht aufmerksam gemacht, ich hätte diese Perle des Berliner Kulturprogramms gestern bestimmt verpasst: Eine Lesung von Teilnehmerinnen und Teilnehmern eines Alphabetisierungskurses.

Mir hat die respektvolle Art gut gefallen, wie die Autoren vorgestellt wurden: Die - ehrenamtliche - Kursleiterin sprach immer wieder von “Welten”, die sich die Teilnehmer “erobert” haben: Buchstaben, Silben, Schriftsprache.

Was für Sujets wählen Nicht-mehr-Analphabeten, wenn sie Texte schreiben? Alltagsgeschichten und Erlebnisse aus ihrer Privatsphäre? Nein, die kamen von Renee Zucker, die als Profi-Autorin und Zugpferd auch mit dabei war. Nein, es waren sehr kreative Werke, die von Lust am Spiel, am Fabulieren, am Witz zeugten. Gut hat mir zum Beispiel ein Kurz-Krimi gefallen, bei dem der Diebstahl einer roten Tasse aufgeklärt werden musste; natürlich mit vollem Polizei-Einsatz und kriminalistischer Ermittlung. Auch sehr schön ein Text, bei dem die Autorin ihre Erlebnisse bei einem klassischen Konzert wiedergab: Auch eine “Welt”, die sie sich erobert hatte. “Ich mag den Gesang von Opernsängern. Wenn ein Mann und eine Frau singen und ihre Stimmen gemeinsam nach oben ziehen - das ist einfach wunderbar.”

Eine Veranstaltung, bei der man lernen konnte, dem ersten Eindruck zu misstrauen - und bei der man sich im Glauben an die unermessliche menschliche Schaffensfreude bestärken konnte. Insgesamt ist das Projekt ein positives Beispiel, wie Menschen, die nicht ganz zum Mainstream passen, dennoch als schöpferische Wesen gesehen und gefördert werden.

Mir kommt es symptomatisch vor, dass solche Projekte nur ehrenamtlich laufen - auch im Kontrast zu dem vorigen Eintrag.

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