Was ist normal?

Ein Kurztrip nach Mecklenburg. Ein wunderschöner See, klarstes Wasser, das - wie man hört - bis vor kurzem noch Trinkwasserqualität hatte. Kein Motorenlärm; kleine Fische, die es sich gut gehen lassen in ihrem Fischleben.

Eine Reisegruppe: Spaziergänger, die auf einer Bank rasten und auf die handgetriebene Fähre warten. Aber: Etwas ist nicht ‘normal’; man merkt es zunächst daran, dass die Gruppe betreut wird. Die beiden jungen Betreuerinnen reden laut, in einem fürsorglichen und manchmal ins Scharfe abgleitenden Tonfall. Es gibt keine Privatsphäre: Den beiden ist es egal, dass der ganze Wald mitbekommt, dass Emma Mühe hatte, die Treppe herunter zu kommen und dass Ernst eine Bockwurst gegessen hat.

Die Betreuerinnen sind, wenn sie nicht lesbisch sind, dann jedenfalls sehr bemüht, sämtliche Klischees über Lesben überzuerfüllen: Schwarze, sehr robuste Outdoor-Kleidung, ultrakurze Haare, Piercings und insgesamt ein Outfit und auch Auftreten, dass mit “herb” eher noch beschönigend beschrieben wäre.

Ja, die Teilnehmer in der Gruppe sind - oft etwas langsam. Nicht nur im Laufen, auch im Verstehen. Ja, manches muss ihnen mehr als einmal erklärt werden, bis sie es verstehen. Aber sie sind auch: sehr lieb miteinander; sie wirken ruhig und ausgeglichen. Einer hat ein verschmitztes Lächeln drauf; er freut sich, dass er heute nicht der Letzte ist.

Ich kann mich nicht gegen den Gedanken wehren, dass diesen Menschen - was immer ihr Handicap ist oder wie es definiert ist - ihre Betreuung nicht weiter hilft, sondern sie erst recht und noch weiter entmündigt. Ich weiß: Es ist ungerecht gegenüber allen, die sich die größte Mühe geben, ihnen ein schönes Leben - und hier, in Mecklenburg, eine schöne Reise zu ermöglichen. Und dennoch.

Wie wollen wir, dass diese Menschen leben?

One Comment

  1. Posted August 21, 2007 at 10:28 am | Permalink

    Hi Peter,
    spannendes Thema - ich habe mich im Rahmen meiner Diplomarbeit sehr intensiv mit dem Wort “normal” auseinandergesetzt.
    Und dennoch ist es schwer, jetzt passende Worte zu finden. Aus meiner langjährigen Arbeit in Bethel kann ich jedoch sagen, dass es sehr viel einfacher ist, von Normalität zu sprechen als diese auch umzusetzen. Ich habe wirklich große Hochachtung vor denen, die das schaffen und leben. Mir geht es immer so, dass ich mein eigenes Verhalten ständig auf Normalität hin hinterfrage - was schon wieder nicht normal ist.
    LG, Nicole

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